Als ich Anfang des Jahres der Rennsteigstaffel zusagte, wußte ich nicht, dass ich eine Woche vorher in Biel 100 km laufe. Entsprechend unsicher, war ich, wie ich über meinen Staffelabschnitt komme und hatte erst mal 6 min/km geschätzt. Die Staffel macht immer Spaß. Man begleitet zuerst die Mitläufer mit dem Auto und genießt die Atmosphäre des Laufes. In Allzunah übernahm ich die Staffel vom kurzfristig eingesprungenen Martin, um über 20 km und ca. 480 Höhenmeter zum Grenzadler bei Oberhof zu laufen.
Schon nach einem Kilometer überholten mich zwei Läufer. Irgendwie fand ich es ja frustrierend, aber es machte keinen Sinn, sich zu diesem Zeitpunkt von seinem Tempo abbringen zu lassen. Da beide nach dem Überholen nicht wegkamen, war ich mir sicher, sie wieder einzufangen.
Den ersten hatte ich schon kurz nach dem Bahnhof Rennsteig, als die Anstiege begannen. Als ich auf der Höhe des zweiten Läufers war, beschleunigte er, um mich nicht vorbeizulassen. Ich verzichtete auf die Tempobeschleunigung und beschloss fies zu sein. Also blieb ich den nächsten Kilometer einen halben Schritt hinter ihm und setzte immer wieder leicht zum Überholen an, ohne es zu tun. Erst an einem steilen Hügel war der Punkt gekommen, ihn zu frustieren - also die Kraft zusammen genommen und locker vorbei gezogen. Er war nie mehr gesehen.
Es lief und ich rannte in einem flotten Tempo durch den Wald. Am letzten Berg zum Stein 16 merkte ich, dass ich ziemlich am Limit war. Aber da ging es auch schon den Berg hinunter zum Grenzadler. Hier begrüßte mich der Großteil der Staffel. Mit 1:43 h und einem Schnitt von 5:12 war ich ganz zufrieden, so dass ich zutiefst bedauerte, wegen anderer Partyverpflichtungen nicht in Hörschel bei der Feier sein zu können.
Noch mehr Bilder gibt es hier.
20.6.10
15.6.10
Irgendwann mußt du nach Biel
Irgendwann musst du nach Biel, sagte auch ich mir, als ich im letzten Jahr die Berichte las. Flugs wurde ein kostenfrei stornierbares Zimmer gebucht und die Überlegungen unvorsichtigerweise im Kollegenkreis beim Kaffee breitgetreten. Heinz ging sofort darauf ein. Das klang nach fremden Ländern, Freiheit und Abenteuer, da wollte er als Radbegleiter dabei sein. Ich dämpfte den Tatendrang und wollte erst den langen Rennsteiglauf gut ankommen. Als dies geschehen war, meldete ich mich für die 100 km von Biel an. Der höhere Zweck der Reise zur allgemeinen Körperertüchtigung ließ mögliche familiäre Probleme gar nicht erst aufkommen. Das Biel auch „die Nacht der Nächte“ genannt wird, haben wir daheim jedoch gar nicht erst erwähnt.
Schon Donnerstag starteten wir zur Männerpartie. Weil Fahrräder so sportlich dekorativ auf dem Autodach wirken, nahm ich auch das meinige mit nach Biel. Wichtig sind für eine Männerpartie Getränkevorräte, so fand sich neben Wasser, Apfelschorle und Cola auch ein gewisser Biervorrat im Kofferraum. In Königschaffhausen wurden noch einige Kisten Wein für die Heimkehrfeier ergänzt. Unter übermenschlicher Anstrengung gelang es uns, bei der Weinverkostung nur am Glas zu nippen. Im Nachhinein war dies die schwerste Prüfung des Wochenendes.

Frühzeitige Buchungen sind nicht immer von Vorteil. Die etwas chaotisch wirkende Wirtin hatte wohl einiges durcheinander gebracht und das Zimmer noch anderweitig belegt. Sie vermittelte uns aber doch noch zwei Betten bei Herrn Löffel, der günstig in der Nähe des Eisstadions wohnte.
Freitag radelten wir in die Stadt, bewunderten die kleine Altstadt und die Bauhausgebäude als architektonische Höhepunkte einer ansonsten etwas runtergekommenen gesichtslosen Industriestadt. Vor allem die Uhrenindustrie ist in Biel zu Hause. Leider gab es kein Rolex-Outlet, so dass wir eine Uhr dieser Marke wohl doch in der Türkei kaufen müssen. Da wir uns schonen wollten, stiegen wir schließlich aufs Schiff und machten eine Rundfahrt über den Bieler See vorbei an hübschen Weindörfern und kosteten dabei ein kleines Gläschen Twanner Wein.
Nach dem Nachmittagsschlaf schlug ich Heinz vor, diese ganze sinnlose Lauferei ausfallen zu lassen und lieber intensiver den Wein des Bielersees zu testen. Heinz erinnerte jedoch daran, dass wir von unseren Frauen nur für den höheren Zweck entbehrt wurden. Auch meinen Vorschlag nach 2 km den Lauf abzubrechen, was ja mal passieren kann, ließ er nicht gelten.
Zwei Stunden vor dem Start trafen wir uns mit anderen Kämpfern für den höheren Zweck am Start. Es ist ja nicht so, dass Männer nichts für Mode übrig hätten. Heinz erregte allgemeine Aufmerksamkeit mit seinem Köstritzer-Radler-Shirt, Wolfgang stellte seine neue Mütze vor, die wie die alte aussah und Walters Oberkörper wurde umschmeichelt von einem hautengen weißen Dress. Heiko lobte die Passform seiner neuen Compeed - Blasenflaster. Conni wiederum faszinierte dagegen die Männerwelt mit reizenden schwarzen Ärmlingen und die Frisur von Tess saß wieder ganz ausgezeichnet.

Als Heinz mit den übrigen Radbegleitern eine halbe Stunde vor dem Start vorausfahren musste, überlegte ich, einfach wieder zu Herrn Löffel zu gehen. Heinz würde es schon bemerken, wenn ich nicht käme. Man könnte diese Gefühlslage vielleicht unauffällig mit Respekt vor der Strecke umschreiben.
Da Wolfgang irgendwas von 6:15 min/km gemurmelt hatte, wurden er und sein Freund Markus zum Opfer meiner Laufbegleitung auserwählt. (Wolfgangs Bericht) Der Lauf durch die Stadt war stimmungsvoll und warm. Die schwarzen Wolken verschonten uns zum Glück oder leider, denn das schwüle Wetter sollte bis zum Morgen anhalten. Aus der Stadt heraus ging es recht heftig bergan, was sofort zum Wanderschritt führte. Belohnt wurden wir mit einem Blick über das erleuchtete Biel und nicht mehr ganz so drückender Luft. Wir trappelten dann so vor uns hin und bewunderten die Zuschauer in den Dörfern, die fröhlich zechend die Läufer beklatschten. Vom Zauber der Nacht war allerdings im dichten Mittelfeld nie wirklich was zu bemerken.
Aarberg bei km 17 mit der überdachten Brücke und dem blauen Teppich auf dem Boden war ganz großes Kino. Zuschauer und der pittoreske Marktplatz ließen Gänsehaut aufkommen. Wolfgang teilte den von seiner Frau gereichten Kuchen mit mir, Männer teilen alles.
Hinter Lyss bei km 25 stieß Heinz zu uns, der bis dahin schon etliche Bierbestellungen trotz seines Köstritzer-Shirts abschlagen musste. Männern sagt man eine gewisse Technikverliebtheit zu. Heinz hatte neben seiner normalen Fahrradlampe einen zweiten Strahler mit 40 Lux aufgetrieben, der uns die Strecke hervorragend erleuchtete. Irgendwann ließ ich Wolfgang und Markus ziehen, die mir minimal zu schnell waren. Dennoch war es für mich ein entspanntes Laufen auf der langen, leicht abfallenden Strecke zur ersten Zwischenzeitnahme nach Oberamsern (km 38) hinab. Ich überholte viele Läufer und Heinz mahnte mich, nicht zu schnell zu werden.
Durch das intensive Studium verschiedener Laufberichte, rechnete ich mit Einbrüchen etwa bei km 35 und bei km 80. Als es jetzt für mich anstrengend, war ich deshalb nicht überrascht, schließlich war ich rund 40 km gelaufen und es war 2:30 Uhr in der Nacht. Ich ging ab und zu ein Stück und stellte mir nicht einmal die Frage, wie ich noch 60 km weiterkommen sollte. Beim Gehen rutschte mein Puls in Richtung Schlafstellung, so dass ich bald immer wieder weiter lief. Erst hinterher stellte ich fest, dass es auf diesem Streckenabschnitt über einige Kilometer bergan ging. In der Dunkelheit hatte ich es kaum bemerkt und meine Schwierigkeiten gar nicht mit Anstiegen in Verbindung gebracht.
Beim Ultra wird es nicht immer nur schlechter, es wird auch wieder besser. Das es ab km 46 für mich besser wurde, mag auch daran liegen, dass es wieder bergab ging. Zwischen Oberamsern und der Zeitmessung in Kirchberg (km 56) hatte ich mich von Platz727 auf Platz 631 vorgearbeitet. In Kirchberg saß Conni fröhlich rum, obwohl oder weil sie hier ausgestiegen war. Mir kam ein Ausstieg nicht einmal in den Sinn.
Hinter Kirchberg beginnt der Ho-Chi-Minh-Pfad, der bürgerlich Emmendamm heißt. Innerhalb kürzester Zeit war es hell geworden und die Vögel zwitscherten in den Morgen. Der Körper wurde wieder wach. Es war ein Weg, wie ich ihn häufig laufe und ich genoss den Lauf über den Trampelpfad mit dem Hauch von wahrem Abenteuer. Wieder überholte ich viele Läufer.
Plötzlich stand Eckhard vor mir. Mit ihm hatte ich am wenigsten gerechnet, hätte er doch eine Stunde vor mir sein müssen. Er war gestürzt und wirkte reichlich demoralisiert. Ich beschloss eine Weile bei ihm zu bleiben, bis er sein Tief wieder überwunden hat. Am Ende des Ho-Chi-Minh-Pfades stieß auch wieder Heinz zu uns, der die vergangen 10 km umfahren musste. Ein Ultra wird im Kopf gelaufen und es war nur noch ein Marathon!
Jetzt freute ich mich auf den Kaffee, hatte doch Joe in seinem Bericht vom letzten Jahr von einer Bäckerei bei km 72 berichtet. Heinz bekam eine genaue Bestellung aufgetragen und radelte vor. Bei der Kaffeepause auf der Mauer ließen wir um 6.30 Uhr einige Läufer vorbeiziehen. Trotz des Kaffees folgte mein zweites Tief. Der lange sanfte Anstieg nach Bibern ließ mich immer wieder in den Wanderschritt fallen. Demoralisierend war vor allem, wie flach der Berg eigentlich war. Eckhard war vorgelaufen, wartete aber an der Verpflegung. Damit war klar, wir laufen zusammen ins Ziel. In Bibern hatte ich mich auf Platz 540 gekämpft.
Hinter den Bergen stellte sich heraus, dass das Zusammenlaufen gar nicht so einfach war. Während ich einen Schnitt von 6:30 lief und ab und zu eine Gehpause machte, war Eckhard deutlich langsamer aber mit weniger Geheinlagen unterwegs. Doch wahre Männer finden immer eine Lösung. Wir liefen allein und trafen uns an den Verpflegungsstellen und Anstiegen immer wieder, auch wenn die Gehpausen immer länger wurden.
Heinz fuhr jetzt auffällig viel im Stehen – der Sattel hatte wohl seine Spuren hinterlassen. Für die letzen 5 km brauchten wir schließlich 45 min. Allerdings mussten wir uns ja auch ausgiebig am Schild der 99 km fotografieren und die Haare für den Zieleinlauf richten.
Sicherheitshalber gingen wir nach dem Schild auch noch einige Meter, damit wir sicher durch das Ziel laufen konnten. Als 568 blieb nach 12:47 h die Zeit für mich stehen, wir hatten es geschafft. (Eckhards bebilderter Bericht)
Hinterher war ich erstaunt, wie problemfrei es gegangen war. Ich hatte mich auf Sinnkrisen und Einbrüche vorbereitet, doch nichts davon kam wirklich. Bei den Schwächephasen wusste, ich dass ich dem Körper etwas Regeneration durch Gehpausen ermöglichen muss und bei den vielen Kilometern nichts erzwingen kann. Ohne Zeitziel hatte ich mich auch nicht unter Druck gesetzt und kam nie ins Hadern, ob ich einige Minuten verschenke, auch wenn der Kilometerschnitt auf den letztem Viertel drastisch gesunken war. Ich hätte es wohl auch ohne Fahrradbegleiter geschafft, doch manches wäre mühsamer gewesen und es beruhigte ungemein, immer jemand in der Nähe zu haben.
Und Biel? Wie der Berlin-Marathon und der Rennsteiglauf gehört es wohl zu den Dingen die ein (lange Stecken laufender) Mann mal getan haben sollte – und eine Frau wohl auch. Das Bier schmeckt danach einfach besser.
Noch mehr Bilder gibt es hier.
Schon Donnerstag starteten wir zur Männerpartie. Weil Fahrräder so sportlich dekorativ auf dem Autodach wirken, nahm ich auch das meinige mit nach Biel. Wichtig sind für eine Männerpartie Getränkevorräte, so fand sich neben Wasser, Apfelschorle und Cola auch ein gewisser Biervorrat im Kofferraum. In Königschaffhausen wurden noch einige Kisten Wein für die Heimkehrfeier ergänzt. Unter übermenschlicher Anstrengung gelang es uns, bei der Weinverkostung nur am Glas zu nippen. Im Nachhinein war dies die schwerste Prüfung des Wochenendes.

Frühzeitige Buchungen sind nicht immer von Vorteil. Die etwas chaotisch wirkende Wirtin hatte wohl einiges durcheinander gebracht und das Zimmer noch anderweitig belegt. Sie vermittelte uns aber doch noch zwei Betten bei Herrn Löffel, der günstig in der Nähe des Eisstadions wohnte.
Freitag radelten wir in die Stadt, bewunderten die kleine Altstadt und die Bauhausgebäude als architektonische Höhepunkte einer ansonsten etwas runtergekommenen gesichtslosen Industriestadt. Vor allem die Uhrenindustrie ist in Biel zu Hause. Leider gab es kein Rolex-Outlet, so dass wir eine Uhr dieser Marke wohl doch in der Türkei kaufen müssen. Da wir uns schonen wollten, stiegen wir schließlich aufs Schiff und machten eine Rundfahrt über den Bieler See vorbei an hübschen Weindörfern und kosteten dabei ein kleines Gläschen Twanner Wein.Nach dem Nachmittagsschlaf schlug ich Heinz vor, diese ganze sinnlose Lauferei ausfallen zu lassen und lieber intensiver den Wein des Bielersees zu testen. Heinz erinnerte jedoch daran, dass wir von unseren Frauen nur für den höheren Zweck entbehrt wurden. Auch meinen Vorschlag nach 2 km den Lauf abzubrechen, was ja mal passieren kann, ließ er nicht gelten.
Als Heinz mit den übrigen Radbegleitern eine halbe Stunde vor dem Start vorausfahren musste, überlegte ich, einfach wieder zu Herrn Löffel zu gehen. Heinz würde es schon bemerken, wenn ich nicht käme. Man könnte diese Gefühlslage vielleicht unauffällig mit Respekt vor der Strecke umschreiben.
Da Wolfgang irgendwas von 6:15 min/km gemurmelt hatte, wurden er und sein Freund Markus zum Opfer meiner Laufbegleitung auserwählt. (Wolfgangs Bericht) Der Lauf durch die Stadt war stimmungsvoll und warm. Die schwarzen Wolken verschonten uns zum Glück oder leider, denn das schwüle Wetter sollte bis zum Morgen anhalten. Aus der Stadt heraus ging es recht heftig bergan, was sofort zum Wanderschritt führte. Belohnt wurden wir mit einem Blick über das erleuchtete Biel und nicht mehr ganz so drückender Luft. Wir trappelten dann so vor uns hin und bewunderten die Zuschauer in den Dörfern, die fröhlich zechend die Läufer beklatschten. Vom Zauber der Nacht war allerdings im dichten Mittelfeld nie wirklich was zu bemerken.
Aarberg bei km 17 mit der überdachten Brücke und dem blauen Teppich auf dem Boden war ganz großes Kino. Zuschauer und der pittoreske Marktplatz ließen Gänsehaut aufkommen. Wolfgang teilte den von seiner Frau gereichten Kuchen mit mir, Männer teilen alles.
Hinter Lyss bei km 25 stieß Heinz zu uns, der bis dahin schon etliche Bierbestellungen trotz seines Köstritzer-Shirts abschlagen musste. Männern sagt man eine gewisse Technikverliebtheit zu. Heinz hatte neben seiner normalen Fahrradlampe einen zweiten Strahler mit 40 Lux aufgetrieben, der uns die Strecke hervorragend erleuchtete. Irgendwann ließ ich Wolfgang und Markus ziehen, die mir minimal zu schnell waren. Dennoch war es für mich ein entspanntes Laufen auf der langen, leicht abfallenden Strecke zur ersten Zwischenzeitnahme nach Oberamsern (km 38) hinab. Ich überholte viele Läufer und Heinz mahnte mich, nicht zu schnell zu werden.
Durch das intensive Studium verschiedener Laufberichte, rechnete ich mit Einbrüchen etwa bei km 35 und bei km 80. Als es jetzt für mich anstrengend, war ich deshalb nicht überrascht, schließlich war ich rund 40 km gelaufen und es war 2:30 Uhr in der Nacht. Ich ging ab und zu ein Stück und stellte mir nicht einmal die Frage, wie ich noch 60 km weiterkommen sollte. Beim Gehen rutschte mein Puls in Richtung Schlafstellung, so dass ich bald immer wieder weiter lief. Erst hinterher stellte ich fest, dass es auf diesem Streckenabschnitt über einige Kilometer bergan ging. In der Dunkelheit hatte ich es kaum bemerkt und meine Schwierigkeiten gar nicht mit Anstiegen in Verbindung gebracht.
Beim Ultra wird es nicht immer nur schlechter, es wird auch wieder besser. Das es ab km 46 für mich besser wurde, mag auch daran liegen, dass es wieder bergab ging. Zwischen Oberamsern und der Zeitmessung in Kirchberg (km 56) hatte ich mich von Platz727 auf Platz 631 vorgearbeitet. In Kirchberg saß Conni fröhlich rum, obwohl oder weil sie hier ausgestiegen war. Mir kam ein Ausstieg nicht einmal in den Sinn.
Hinter Kirchberg beginnt der Ho-Chi-Minh-Pfad, der bürgerlich Emmendamm heißt. Innerhalb kürzester Zeit war es hell geworden und die Vögel zwitscherten in den Morgen. Der Körper wurde wieder wach. Es war ein Weg, wie ich ihn häufig laufe und ich genoss den Lauf über den Trampelpfad mit dem Hauch von wahrem Abenteuer. Wieder überholte ich viele Läufer.
Plötzlich stand Eckhard vor mir. Mit ihm hatte ich am wenigsten gerechnet, hätte er doch eine Stunde vor mir sein müssen. Er war gestürzt und wirkte reichlich demoralisiert. Ich beschloss eine Weile bei ihm zu bleiben, bis er sein Tief wieder überwunden hat. Am Ende des Ho-Chi-Minh-Pfades stieß auch wieder Heinz zu uns, der die vergangen 10 km umfahren musste. Ein Ultra wird im Kopf gelaufen und es war nur noch ein Marathon!
Jetzt freute ich mich auf den Kaffee, hatte doch Joe in seinem Bericht vom letzten Jahr von einer Bäckerei bei km 72 berichtet. Heinz bekam eine genaue Bestellung aufgetragen und radelte vor. Bei der Kaffeepause auf der Mauer ließen wir um 6.30 Uhr einige Läufer vorbeiziehen. Trotz des Kaffees folgte mein zweites Tief. Der lange sanfte Anstieg nach Bibern ließ mich immer wieder in den Wanderschritt fallen. Demoralisierend war vor allem, wie flach der Berg eigentlich war. Eckhard war vorgelaufen, wartete aber an der Verpflegung. Damit war klar, wir laufen zusammen ins Ziel. In Bibern hatte ich mich auf Platz 540 gekämpft.
Hinter den Bergen stellte sich heraus, dass das Zusammenlaufen gar nicht so einfach war. Während ich einen Schnitt von 6:30 lief und ab und zu eine Gehpause machte, war Eckhard deutlich langsamer aber mit weniger Geheinlagen unterwegs. Doch wahre Männer finden immer eine Lösung. Wir liefen allein und trafen uns an den Verpflegungsstellen und Anstiegen immer wieder, auch wenn die Gehpausen immer länger wurden.
Heinz fuhr jetzt auffällig viel im Stehen – der Sattel hatte wohl seine Spuren hinterlassen. Für die letzen 5 km brauchten wir schließlich 45 min. Allerdings mussten wir uns ja auch ausgiebig am Schild der 99 km fotografieren und die Haare für den Zieleinlauf richten.
Sicherheitshalber gingen wir nach dem Schild auch noch einige Meter, damit wir sicher durch das Ziel laufen konnten. Als 568 blieb nach 12:47 h die Zeit für mich stehen, wir hatten es geschafft. (Eckhards bebilderter Bericht)
Hinterher war ich erstaunt, wie problemfrei es gegangen war. Ich hatte mich auf Sinnkrisen und Einbrüche vorbereitet, doch nichts davon kam wirklich. Bei den Schwächephasen wusste, ich dass ich dem Körper etwas Regeneration durch Gehpausen ermöglichen muss und bei den vielen Kilometern nichts erzwingen kann. Ohne Zeitziel hatte ich mich auch nicht unter Druck gesetzt und kam nie ins Hadern, ob ich einige Minuten verschenke, auch wenn der Kilometerschnitt auf den letztem Viertel drastisch gesunken war. Ich hätte es wohl auch ohne Fahrradbegleiter geschafft, doch manches wäre mühsamer gewesen und es beruhigte ungemein, immer jemand in der Nähe zu haben.
Und Biel? Wie der Berlin-Marathon und der Rennsteiglauf gehört es wohl zu den Dingen die ein (lange Stecken laufender) Mann mal getan haben sollte – und eine Frau wohl auch. Das Bier schmeckt danach einfach besser.
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5.6.10
Kein Ultra in der Nacht von Apfelstädt
Bei meinem Vorhaben, in Biel 100 km zu laufen, habe ich vor allem wegen zwei Dingen Bedenken. Dies ist einmal die Streckenlänge und zum anderen das Laufen in der Nacht. Nach den 73 km auf dem Rennsteig habe ich die Hoffnung, die verbleibenden 27 km auch zur Not wandernd bewältigen zu können. Um den Lauf in der Nacht zu probieren, bot sich ein kleiner Ultra in der Nähe an. Jörn Trautmann, ein erfahrener Ultraläufer, hat den jährlichen Jedermannlauf zum Schützenfest in Apfelstädt in diesem Jahr von einem 8 km Lauf zu einem 10 Stunden Nachtlauf ("von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang") aufgeblasen.
Nun erschien es mir zwar nicht besonders sinnvoll, eine Woche vor Biel einen 10 Stunden-Ultra zu laufen. Für einen dreistündigen gemütlichen Trainingslauf von 22.00 bis 1.00 Uhr war die Veranstaltung aber überaus geeignet.
Die Rundstrecke von 1,77 km war ausgesprochen schön. Rund 800 m ging es unter Bäumen am Ufer des Flusses Apfelstädt entlang, bevor die Strecke hinter einigen Gärten parallel wieder auf Asphalt zurück führte. In diesem Abschnitt konnte man die vorbeifahrenden Züge der nahen Bahnstrecke betrachten und verfolgen, wie bis nach Mitternacht noch ein Lichtstreifen am Horizont stand. Am Ende der Strecke wurden vor dem Schützenhaus die Runden gezählt und die Läufer versorgt. Bedenken hatte ich etwas, als die versorgenden Schützen androhten, bei jeder Runde von Jörn eine Flasche Bier zu trinken. Aber entweder haben sie es nicht geschafft oder sie vertragen mehr, als ich glaube. Die Zeit verging wie im Fluge. Meist unterhielt ich mich mit anderen Läufern, aber einige Runden lief ich auch bewusst allein, um die einbrechende Nacht auf mich wirken zu lassen.
Nach drei Stunden brach ich den Lauf mit Bedauern ab und fuhr die 15 Minuten nach Hause. Der Start in die Nacht dürfte in Biel nicht das große Problem sein - eher die Zeit nach 1 Uhr.
Was ich fast nicht selbst glaubte gelang. Um 6 Uhr stand ich wieder auf und lief locker noch die letzte Stunde des Laufes in der nun wärmer werdenden Sonne. Dabei hatte ich nur ein schlechtes Gewissen, wenn ich locker und frisch die Helden der Nacht überholte.
Nun erschien es mir zwar nicht besonders sinnvoll, eine Woche vor Biel einen 10 Stunden-Ultra zu laufen. Für einen dreistündigen gemütlichen Trainingslauf von 22.00 bis 1.00 Uhr war die Veranstaltung aber überaus geeignet.
Die Rundstrecke von 1,77 km war ausgesprochen schön. Rund 800 m ging es unter Bäumen am Ufer des Flusses Apfelstädt entlang, bevor die Strecke hinter einigen Gärten parallel wieder auf Asphalt zurück führte. In diesem Abschnitt konnte man die vorbeifahrenden Züge der nahen Bahnstrecke betrachten und verfolgen, wie bis nach Mitternacht noch ein Lichtstreifen am Horizont stand. Am Ende der Strecke wurden vor dem Schützenhaus die Runden gezählt und die Läufer versorgt. Bedenken hatte ich etwas, als die versorgenden Schützen androhten, bei jeder Runde von Jörn eine Flasche Bier zu trinken. Aber entweder haben sie es nicht geschafft oder sie vertragen mehr, als ich glaube. Die Zeit verging wie im Fluge. Meist unterhielt ich mich mit anderen Läufern, aber einige Runden lief ich auch bewusst allein, um die einbrechende Nacht auf mich wirken zu lassen.
Nach drei Stunden brach ich den Lauf mit Bedauern ab und fuhr die 15 Minuten nach Hause. Der Start in die Nacht dürfte in Biel nicht das große Problem sein - eher die Zeit nach 1 Uhr.
Was ich fast nicht selbst glaubte gelang. Um 6 Uhr stand ich wieder auf und lief locker noch die letzte Stunde des Laufes in der nun wärmer werdenden Sonne. Dabei hatte ich nur ein schlechtes Gewissen, wenn ich locker und frisch die Helden der Nacht überholte.
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